Rezensionen

Der Herzschlag auf dem letzten Weg

Amici musicae, Landesjugendchor Sachsen und Jugendsinfonieorchester Leipzig mit Verdis Messa da Requiem in der Thomaskirche
VON PETER KORFMACHER

Volles Haus in der Thomaskiche, oben wie unten. Foto: am

Natürlich kann man mit (guten) Laienmusikern ein Verdi-Requiem machen. Stehen nur genug zur Verfügung, wird daraus schon große Toten-Oper, bei der im Donner des Jüngsten Gerichts fünfe auch mal gerade sein dürfen. Doch ist dies nicht der Ansatz Ron-Dirk Entleutners, der sich am Samstagabend in der bestens gefüllten Thomaskirche an diese anderthalb Stunden über die letzten Dinge traute mit den Choristen seiner Amici musicae und des sächsischen Landesjugendchors sowie den Instrumentalisten seines Jugendsinfonieorchesters der Leipziger Musikschule.

Denn Entleutner tritt der Messa da Requiem nicht mit dem Bauch entgegen, sondern mit dem Kopf, nicht mit dem großen Opern-Besteck, sondern mit der geistigen Durchdringung des Ex-Thomaners. Und als solcher verlässt er sich nicht darauf, dass diese Musik ihre Wirkung von selbst entfaltet. Entleutner verfolgt ein Konzept: Sein Verdi-Requiem leuchtet aus der Tiefe der Partitur heraus. Transparent bleibt es in jedem Satz, jedem Takt, jedem Klang. Was angesichts der für chorsinfonische Panzerkreuzer nicht unproblematischen Akustik der Thomaskirche bemerkenswert genug ist. Entleutner verlässt sich nicht auf die Schönheit des Augenblicks, sondern legt die gewaltige Totenklage am Text entlang vorwärts drängend an – abgesehen vom irritierend verschleppten Lux aeternam.

„Die Fugen stehen für mich im Zentrum des Verdi-Requiems“, hat er zuvor zu Protokoll gegeben, und diese Fugen seien „ganz nah bei Bach“. Sie stehen zwar eher Händel nah, was aber egal ist, weil es um etwas anderes geht: Die Messa da Requiem ist nicht angelegt als (vokale) Melodie mit (orchestraler) Begleitung, sondern als polyphoner Organismus, in dem nichts unwichtig ist – also alles hörbar sein muss. Und das gelingt selbst Profis nur im Ausnahmefall. Was Entleutner aber hier an klanglicher Balance auf die Beine stellt, das schließt in dieser so klugen wie sinnlichen Konsequenz zu den Großen des Fachs auf. Zu Gardiner mehr als zu Gergiev – am Wirkungsort Bachs gewiss kein Fehler.

Auch Entleutner ist offenhörlich ein großer Chor-Erzieher. Seine Musikfreunde und den sächsischen Jugendchor hat er in den Proben zusammengeschweißt zu einem Ensemble, das keinen Vergleich scheuen muss. Hauchzart im Flehen um ewige Ruhe, auftrumpfend im Zorn über die Endlichkeit, markerschütternd in panischer Erwartung des Jüngsten Gerichts, beseelt raunend in der Gewissheit der Erlösung. Fabelhaft homogen klingt dieses Vokalkombinat, blitzsauber in der Intonation und vorbildlich in der Textverständlichkeit.

Dieser staunenswerten Leistung begegnet das Jugendsinfonieorchester auf Augenhöhe. Auch hier legt Entleutner den Klang nicht als eindrucksvolles Ungefähr an, sondern als fein gewirktes Gespinst instrumentaler Linien in den eher kammermusikalischen Teilen und als bis ins Detail ausgestaltetes Tableau am Tag des Zorns. Schon der heikle Beginn der Celli, die aus dem Nichts (lange muss Entleutner warten, bis es still genug ist in der Kirche) die Bitte um ewige Ruhe vorbereiten, greift nach der Seele. Was die jungen Instrumentalisten von der Violine bis zum Fagott an Soli abliefern, lässt keine Wünsche unerfüllt. Fabelhafte Streicher, wonniges Holz, prunkendes Blech – und Schlagwerker, die nicht Einzelimpulse zuliefern, sondern den Herzschlag auf dem letzten Weg.

Natürlich ist es nicht so, dass hier nichts passierte – auch, ebenso natürlich, im Chor nicht. Und Entleutners interpretatorische Operation am offenen Herzen der Partitur sorgt dafür, dass auch kleinere Ungereimtheiten deutlich hörbar werden. Aber erstens passiert derlei auch den Profis – und zweitens stört es die so emotionale wie disziplinierte Dringlichkeit dieses Musizierens kein bisschen.

Das sieht bei den solistischen Männerstimmen anders aus. Bernhard Schneider, Tenor, und Daniel Blumenschein, Bass, sind verdiente Sänger und haben mit Entleutner schon Schönes geleistet. Aber fürs Verdi-Requiem sind sie fehlbesetzt. Denn es gibt sie eben doch, die großen Opernpassagen, die die großen Opernstimmen fordern. Und in denen schleppt Schneider weinerlich, und Blumenschein bleibt mit recht boviner Färbung oft zu tief. Sind die Damen dabei, ist es besser. Aber das liegt eher daran, dass Viktorija Kaminskaite (Sopran) und Inga Jäger (Mezzo) so gut sind, dass das poröse Fundament egal scheint. Kaminskaites kristalliner Sopran und Jägers Bernstein-Mezzo fügen sich perfekt ein in Entleutners ganzheitliches Musizieren. Zwei Frauenstimmen, die gemeinsam in einer Klangästhetik verschmelzen, die berückend singen, aber ohne Diven-Mätzchen. Nun gut: Jäger schleift Spitzentöne gern manieriert an. Aber das tritt hinter die Herrlichkeiten ihres Gesangs ebenso zurück, wie das abgekniffene b Kaminskaites am Ende des ansonsten himmlischen A-cappella-Teils im Libera me. Rhetorischer Gesang ohne Geschwätzigkeit, strahlend schön und doch uneitel, intelligent und von satter Sinnlichkeit getragen.

Wie dieses ganze außergewöhnliche Verdi-Requiem. Ein Höhepunkt im Chorsinfonik-Kalender des Jahres 2017. Ausführlicher Jubel eines Publikums, in dem einige wenige Röchler und Schniefer an den sensibelsten Stellten die CD-Aufnahme ruiniert haben dürften.

 

LVZ, 27.11.2017

 

 

Erlebte Passion in der Thomaskirche
Amici Musicae präsentieren Matthäus-Passion
VON KATHARINA STORK

LVZ, 21.03.2017

 

Die Passion Christi erlebbar machen, durch die Ausdruckskraft der Musik – das war Bachs Anspruch bei seiner Vertonung der Matthäus-Passion. Die Amici Musicae erfüllten diese Aufgabe am Samstagabend in der Thomaskirche mit großem musikalischem Können.

Gleich beim Einstieg des Chores stellt Dirigent Ron-Dirk Enleutner sein umsichtiges, höchst konzentriertes Dirigat unter Beweis: „Herzliebster Jesu“, eine Melodie, die im Laufe der Passion immer wieder vom Chor aufgegriffen wird, erklingt in einem homogenem Klanggebilde von Chor und Orchester des Ensembles, unterstützt von der Kurrende der Thomaskirche und des Schöneck-Ensembles Koblenz.

Der Evangelist eröffnet im Rezitativ den Handlungsbogen: Christian Rathgebers Tenor ist flexibel, hell und seine Textverständlichkeit enorm. Seine natürlich ausgestaltete Phrasierung gibt dem Text genügend Schwung, so dass der Bogen zwischen Arien und Handlung niemals bröckelt und das Wechselspiel im Dialog flüssig bleibt. Der Tenor bildet einen angenehmen Gegenpol zum vollen Bass Dominic Großes, der Jesus‘ Rezitative singt. Obwohl die Anzahl seiner zu singenden Stellen übersichtlich ist, sticht er heraus: Auch kurze Phrasen präsentiert er angemessen dramatisch, mit autoritärem Timbre. Sein Ausdruck geht nie zu Lasten der Textverständlichkeit, sei es im betrübten Piano oder im eindrucksvollen Forte.

Neben der Handlung kommentieren die Solisten Jesu Situation in emotionsgeladenen Arien. Franziska Bobe übernimmt die Sopranpartie und überzeugt ab dem ersten Ton. Ihr „Blute nur, du liebes Herz!“ ist dramatisch, aber sehr voll und warm in der Höhe. Sie hebt sich mühelos über das Orchester und beweist mit ihrer flötengleichen Stimme große Flexibilität in den anmutigen Koloraturen. In Kombination mit Altistin Inga Jäger entsteht eine wunderschöne Einheit: Jägers dunkleres Timbre ergänzt den hellen Sopran vollkommen.

Bass Stephan Heinemann glänzt sowohl in den Rezitativen als auch in den Arien. Als Judas besticht er mit dramatischer Präsenz, in den Arien kommen seine warme Mittellage und die volle Tiefe am besten zur Geltung. Sebastian Franz ergänzt das Ensemble mit rhythmisch sicheren Koloraturen und einem soliden Tenor mit leicht metallischer Höhe.

Die herausragende Besetzung von Chor, Orchester und Solisten sorgt für besinnliche drei Stunden und einen musikalisch hochwertigen Ausblick auf die Osterzeit.

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Seit Mai 2017 auf dem Markt. Die brandneue CD mit Martin Häßler (Bariton), dem Landesjugendchor Sachsen und dem Jugendsinfo-nieorchester Leipzig.

Immer wieder ein schönes Weih-nachtsgeschenk. Eine Kooperation mit dem Gewandhaus-Kinderchor aus dem Hause Querstand.

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Ron-Dirk Entleutner